Das Lehrerhandbuch - Einleitung






Einleitung 


I.)

1) Selbst-Verständliches (Das Selbstbild) 


“Wenn du gehen kannst, kannst du tanzen. 

Wenn du sprechen kannst, kannst du singen.”

(Afrikanisches Sprichwort) 


Dieses alte afrikanische Sprichwort weist zurück auf die Wurzeln musikalisch künstlerischen Ausdrucks des Menschen. Auf der kreativen Suche nach neuen Möglichkeiten und Lösungen haben wir seit Anbeginn unserer Existenz unfassbar vieles entdeckt und entwickelt. Klar, nicht alles davon ist und war immer nützlich und gut, einiges aber doch; immer aber wurden Grenzen verschoben und Unmögliches möglich gemacht. Dazu braucht es zum einen Mut und zum anderen die Bereitschaft sich eigener Ressourcen bewusst zu werden, um diese dann auch auszuschöpfen. "Ich kann nicht tanzen.", "Ich kann nicht singen.", "Ich kann nicht improvisieren." usw. Hat das nicht jeder schon mal gehört oder sogar irgendwann von sich selbst behauptet? Doch unterliegen nicht einfachste Momente der Fortbewegung und Kommunikation schon Abläufen, die 'rhythmisch' in sich geordnet sein wollen? Auch Kalender, Stundenpläne, Termine und andere Zeitintervalle bestimmen unser Leben! Rhythmik ist somit nicht einzig der als solches genannten 'Musik' vorbehalten, sondern etwas alltägliches. Die Sprache hingegen kennt beispielsweise Verwendung im musikalischen Sprachgesang (Rap) oder unterliegt rhytmischen Mustern (Metrik) von Gedichten. Und weiter: Betrachtet man den ästhetischen Gang einer Afrikanerin mit Kopflast, die Präzision eines saltierenden Kunstturners auf dem Schwebebalken, das furiose feurige Gitarrenspiel in der Flamencomusik oder die nachgeahmten 'Vogelgesänge' eines virtuosen Didgeridoospielers, so mutet dies an, Begrifflichkeiten wie Gehen und Tanzen, Sprechen/Tönen und Singen, Spielen/Musizieren und Improvisieren, Rhythmik und Ordnung, Können und Kunst sinngemäß miteinander verschmelzen zu lassen. Bewegung und Kreativität, Können und Nicht-Können, Können und Kunst sowie Kunst und Kultur scheinen tiefer miteinander verwoben zu sein als wir uns es manchmal eingestehen möchten. 

Da es ein besonderes Anliegen dieser Schule ist, der kindlichen Kreativität am Beispiel des Gitarrenunterrichts, Geltung zu verschaffen, soll im Folgenden dargelegt und diskutiert werden, inwiefern die Ursprünge musikalisch künstlerischen Ausdrucks und selbstentdeckenden Lernens in der Kindesentwicklung liegen könnten. 


2) Selbst-Ständigkeit 


Es ist auf der einen Seite die naturgegebene strukturelle und funktionelle Ordnung unseres leiblichen Körpers, wie beispielweise die hohe Differenzierbarkeit der Hände, des Kehlkopfes, der Gliedmaßen (aufrechter Gang) und auf der anderen Seite der Grad geistiger Entwicklung und Lernfähigkeit, die es uns ermöglicht zu musizieren und zu kultivieren. Doch dazu gibt es eine lange Vorgeschichte: Als Neugeborene können wir z.B. nicht sprechen. Wir können auch nicht “auf das Wort folgen”, das müssen wir erst lernen! Selbst Hören und Sehen wollen gelernt sein, bevor diese funktional so wichtigen Fähigkeiten dann im Alter entweder verlernt werden oder aus welchen Gründen auch immer vergehen. 

Kleinkinder empfinden große Freude daran, mit ihren ersten Lautäußerungen zu Experimentiern. Dem Kind geht es dabei nicht etwa darum richtige Töne oder Worte zu Stande zu bringen, sondern es probiert einfach alles. Verbesserungen, die über das Hörempfinden, durch sensorisches Feedback, Spiegelungprozesse usw. zustande kommen erweitern nach und nach das Ausdrucksvermögen des Kindes. Auch wenn vieles anfangs - zumindest in den Ohren Erwachsener - unfertig und "falsch" klingt, was Kleinkinder tönend von sich geben, wird allmählich etwas daraus, das Hand und Fuß hat, etwas das dann gerne auch als “richtig” bezeichnet wird: die Fähigkeit sich dem eigenen Kulturkreis und der jeweiligen Situation entsprechend angemessen zu artikulieren. Ihr Umgang mit sich selbst und den sich ihnen stellenden Herausforderungen ist dabei vor allem spielender Art. Denn Kinder sind wahre Meister des Spielens. Unter Benutzung aller momentan zur Verfügung stehenden Bewegungsmöglichkeiten erkennen sie in allem was sie umgibt Phänomene des Spielens (Spielzeug) und der Neugierde (Seltsames). Als Belohnung dienen die "Freude am Gelingen", das Erleben von Wirksamkeit und die Tatsache, dass sich  Schritt für Schritt und mit dem Einnehmen unterschiedlicher Standpunkte, das eigene Handlungsbild und Handlungsfeld erweitern. Sie werden im wahrsten Sinne selbst-stänig. Wenn Neugeborene lernen sich durch ihre Stimme wahrzunehmen, sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen, zu kriechen, zu krabbeln, im Bärengang zu laufen, sich auf vielfältigste Weise zu bewegen und irgendwann zu gehen und zu stehen folgen sie einem inneren Rhythmus. Was hier mit nur wenigen Worten beschrieben ist, hat keine lineare Entwicklungskurve. Vielmehr sieht es danach aus, als ob ausgerechnet Instabilität, Irritationen und der wiederkehrende Verlust von Rhythmus den Weg der Entwicklung begünstigten. Es werden viele Variationen und Stadien durchlaufen, die einen kreativen Prozess zu kennzeichnen scheinen. 

"Wenn das Kind seine neue Welt erkundet, schafft es eine ungeheure Vielfalt an verschiedenen Bewegungen. Als Teil ihrer Promotionsarbeit beschreibt Thelen (1979) mehr als 40 rhythmische Bewegungen des Kindes, die im Entwicklungsverlauf auftreten und wieder verschwinden. Scheinbar ist die Vielfalt nicht zufällig. Robertson, Cohen und Mayer-Kress (1993) zeigen, dass die zyklischen Bewegungsrhythmen eines Kleinkindes die Struktur eines chaotischen Systems aufweisen (...) Das lässt vermuten, dass das kindliche Gehirn durch diese Bewegungen von der Natur eine strukturierte und flexible Auswahl an Möglichkeiten enthält, um Instabilität und somit neue Bewegungsmuster zu erzeugen. (...). Die Vorstellungen von Thelen und Smith, Kelso sowie Robertson, Cohen und Mayer-Kress und anderer Forscher deuten an, das die Instabilität unserer Bewegungen und derer des Kindes Quelle der Entwicklung und Kreativität ist." 

(Roger Russel und Ulla Schläfke, in "Feldenkrais im Überblick", Thomas Kaubisch Verlag, Seite 74/75) 

Dieser fortlaufende Prozess des Selbst-ständig-werdens ließe sich demnach nicht nur als einen fortdauernden kreativen Prozess der Selbstorganisation, sondern auch als eine Suche nach dem eigenen Rhythmus im Leben bezeichnen. Auch der Anfänger, der sich dazu entschieden hat ein Instrument zu lernen, wird auf seinem Weg zum Fortgeschrittenen und immer weiter mit dem Verlust, dem Gewinn und der Suche nach Sicherheit, ob auf ryhtmischer, technischer oder sontiger Ebene beschäftigt sein. Doch die Suche lohnt sich! Davon scheinen erfolgreiche Schüler und Lehrer zutieft überzeugt zu sein. 


3) Selbstständiges Lernen und Vorbildlernen - Ein wenig Philosophie


 "2 x 3 macht 4, widdewiddewitt und drei macht neune !! Ich mach' mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt .... ." (Pippi Langstrumpf-Lied, deutsche Übersetzung von: Wolfgang Franke & Helmut Harun) 


Diese wohl sehr bekannten Worte aus dem Munde eines fröhlichen, selbstbewussten, singenden Kindes, dessen Charakter zwar der Phantasie eines Erwachsenen entsprungen ist, scheinen dennoch eine Portion Weisheit in sich zu tragen: 'Niemand kann mir vorschreiben wie ich zu denken habe und wie und was ich daraus ableiten muss'. Wenn wir aber andere Menschen 'nachmachen', z.b. die eigenen Eltern, Geschwister oder den Lehrer, wie gehen wir dabei vor? Was hat das dann noch mit Kreativität zu tun? Sind wir tatsächlich frei darin zu entscheiden, dass 2 x 3 = 4 ist, oder müssen wir die Antworten geben, die wir gelernt haben und von uns erwartet werden? Und wie passt das zusammen mit dem zuvor beschriebenen Prozess kreativer Selbstorganisation? Entgegen der oben geschilderten Entwicklung zur Selbst-Ständigkeit heißt es immer wieder, dass besonders die Kindesentwicklung durch Vorbildlehrnen und Nachahmung gezeichnet ist. So etwa erinnert z.B. das Gangbild, bestimmte Gesten oder die Stimme eines Kindes oft stark an dieselben der Eltern. Für das Phänomen des Nachahmungslernen gibt es aber auch aus dem Instrumtalunterricht ganz praktische Beispiele: In Indien ist die traditionelle Weise Citar zu lernen das ausschließliche Vor- und Nachspielen. Auf ähnliche Art werden auch Flamenco-Gitarristen in Andalusien ausgebildet und viele weitere Beispiele aus anderen Traditionen und Kulturen (inklusive der YouTube-Tutorials aus dem Internet) ließen sich hier anführen. Sollte der Lehrer für einen effektiven Gitarrenunterricht demnach nicht vielmehr seine Vorbildfunktion in den Mittelpunkt des Geschens rücken und sich darauf konzentrieren, die Entwicklung musikalischer Kompetenzen seiner Schützlinge durch Vormachen und Anleitungen korrekter Ausführungen zu sichern? Machen wir hierzu einen kleinen Ausflug in die philosophischen Gefilde konstruktiven Denkens: 

Die Lerntheorie des Konstruktivismus, "... lehnt die Gültigkeit einer sogenannten objektiven Beschreibung (Representation) oder Erklärung der Realität ab." ... Dabei wird "die Konzeption einer außerhalb unseres Geistes existierende Realität 'da draußen' nicht verneint, sondern nur, dass diese Realität unabhängig, d.h. objektiv wahrgenommen werden kann. Realität wird als eine interaktive Konzeption verstanden, in der Beobachter und Beobachtetes gegenseitig und strukturell miteinander gekoppelt sind. Sowohl Relativitätstherorie als auch Quantenmechanik sind Beispiele dafür, dass unsere Wahrnehmung beobachterrelativ ist. Auch neurophysiologische Erkenntnisse zeigen, dass unsere Sinnesorgane nicht nur die Außenwelt abbilden, sondern im Verarbeitungsprozess bereits strukturieren und 'interpretieren'." 

(Zitat aus dem Artikel "Erfinden lernen, von Peter Baumgartner und Sabine Payr, Bezug nehmend auf Studien von Humberto R. Maturana und Francisco Varela, 'Der Baum der Erkenntnis') 

Nun gibt es viele unterschiedliche Anstrengungen und weitreichende philosophische, theologische bis hin zu pädagogischen und therapeutischen Versuchen konstruktivistische oder ähnlich geartete Ansätze (Phänomenologie, Systemtheorie ...) in ihren unterschiedlichen Formen und Ausrichtungen zu untermauern, zu kritisieren oder auch zu widerlegen. Man beachte aber, dass konstruktivistische Denkergebnisse prinzipiell als nicht objektivierbar und deshalb generell widerlegbar gesehen werden können. Mit anderen Worten: Widerlegt und bestätigt sich diese Philosophie selbst? Ja und nein. Nimmt man an, dass Philosophie selbst keine Existenz außerhalb des menschlichen Denkens hat, so ist es der Mensch, der all das, was seinem Erleben entspringt, und damit es seinem Erleben entspicht, philosophisch denkt, interpretiert, wendet und dreht, dann könnte die Antwort "nein" lauten. Auch von Sokrates ("Ich weiß, daß ich nichts weiß") und Platon über Kant (s.u.) bis Wittgenstein ("Diese Welt ist meine Welt") und vielen weiteren hat es skeptische Äußerungen gegeben, die das Konstrukt von Objektivität und Wirklichkeit auf ihre Weise in Frage stellen. Diesen stehen aber zahlreiche andere Erkenntnisse entgegen, wie zum Beispiel die des Philosophen und brittischen Nobelpreisträgers Bertrand Russel: Ihm zufolge 

"... ist in der Erfahrung noch eine Reihe von unmittelbar erleuchtenden, evidenten Prinzipien wirksam: etwa die logischen Grundsätze oder die Sätze der Geometrie. An ihnen zeigt sich, 'dass wir ein unbezweifeltes Wissen haben können, das nicht auf Sinnesdaten zurückführbar ist.' Dazu gehören in gewisser Weise auch die Allgemeinheitsbegriffe, von Russel 'Universalien' genannt, also etwa Ähnlichkeit oder Gerechtigkeit oder Schwärze oder dreieckig oder jetzt. Dergleichen existieren nicht bloß im Bewusstsein; es gehört vielmehr 'zu jener unabhängigen Welt, die das Denken zwar erfaßt, aber nicht erschafft.'" 

(Aus "Die Philosophische Hintertreppe" von Wilhelm Weischädel, über Bertrand Russel, Seite 288, dtv Verlag) 

Dass Philosophen sich gerne von wissenschaftlichen Erkenntnissen dazu verleiten lassen, eigens hervorgebrachte Weisheiten initial oder nachträglich mit diesen zu untermauern, ist wohl naheliegend und nicht automatisch zu verurteilen. Man darf sich jetzt ruhig fragen: Ab wann ist man denn ein Philosoph und darf (oder sollte) nicht jede/r dann und wann mal seine eigenen Weisheiten auf den Prüfstand stellen? Auch Euphorie, Begeisterung und Erleichterung auf unterschiedlichen Ebenen durch die Anwendung neuer Prinzipien, verleiten gerne zum Wunsch bis hin zur Ableitung und Forderung der Notwendigkeit einer neugearteten und besseren Pädagogik, durch diese. Statt dessen, können wir aber unsere eigenen Erfahrungen machen, diese mit anderen vergleichen und uns selbst motivieren oder motivieren lassen, aus freier Entscheidung eine Haltung einzunehmen, die welchen Erkenntnissen und Weisheiten auch immer entspringen oder entsprechen und danach versuchen verantwortlich zu handeln. Gemeint sind eigenverantwortliche Akzeptanz, Würdigung und Toleranz von Ideen und Andersartigkeiten sowie das Annehmen von gesellschaftlichen Vereinbarungen oder deren Ablehnung. Nicht gemeint ist hier die oft misbrauchte Wahrheitsbegriff, um Recht zu haben oder 'Nichtrecht' zu geben und zum Zwecke der Verbreitung und Rechtfertigung ideologischer Ansichten. Gerade als Lehrer müssen wir uns der Macht unserer Worte, Gesten und Handlungen bewusst sein. Denn das Wissen darüber, dass eine Überzeugung – auch wenn sie noch so klar zu sein scheint - eventuell falsch sein könnte, kann vor zu tiefer Enttäuschung bewahren, Überraschungen willkommen heißen und dazu verhelfen anders gearteten Vermutungen oder Erkenntnissen würdigend zu begegnen. Wenn wir unsere Schüler fragen, dann können wir so auch unerwartete Antworten und Reaktionen besser in Kauf nehmen und leichter damit umgehen. Denn das oben Beschriebene gilt auch für einen Schüler, der auf die Frage "Was gibt 1+1?" mit: "drei" antwortet (z.B. weil seine Eltern zwei Kinder haben). Na klar, das Ergebnis müsste zwei heißen. So haben wir es schon als Kinder gelernt und wahrscheinlich millionenfach bis ins Erwachsenenalter immer wieder erfahren und bestätigt bekommen. Als Lehrer haben wir aber die Macht und Freiheit unterschiedlich auf derartige Antworten zu reagieren: Etwa mit "Falsch, setzen! Note 6!", oder eine weitere von vielen anderen Alternativen könnte sein: "Aha, das ist ja interessant! Aber wie kommst du denn darauf? Hast du dir etwas dabei gedacht?" Man stelle sich nur mal vor, dass es Momente im Schulunterricht gegeben hat, in denen die Antwort auf die Frage "Was gibt 3+4?" blos nicht "4+3" (Kommunikativgesetz) hätte lauten dürfen. Denn Ant-Worte wie diese hätten von so manch einem Lehrer als reine Provokation interpretiert und bestraft werden können. Aus diesen Gesichtspunkten und hinsichtlich der Suche nach neuen Ideen im - und für den Gitarrenunterricht scheint derartig 'verrücktes' Denken einen lohnenden Vorteil in sich zu bergen: Alles darf (muss aber nicht) hinterfragt werden und nichts muss so sein wie es, und schon gar nicht "weil es eben nun mal so ist, wie es ist"! Und dabei entpuppen sich scheinbar sinnlose Umwege manchmal als ergebnissrelevant. Ob die Rechnung "2 x 3 macht 4 "Widdewiddewitt und Drei macht Neune !!" nun auf einer für jeden Menschen nachvollziehbare Denkart zurückzuführen ist, muss nicht unbedingt erörtert werden. Wir wissen ja auch nicht welche 'mathematische Operation' sich hinter "vier Widdewiddewitt" verbirgt, so dass das Endergebniss 9 (2 x 3 + 3= 9) letztlich doch stimmig sein könnte. Vielleicht begegnen wir hier der kindlichen Gewissheit von Pippi L., dass am Ende, nach der Befreiung ihres Vater aus der Gefangenschaft der bösen Piraten, doch alles gut sein wird. Die 4 könnte demnach stehen, für alle Ungewissheiten auf der langen manchmal beschwerlichen aber stets spannenden Reise der Drei Freunde. Russel erklärt: 

"Der Wert der Philosophie besteht ... wesentlich in der Ungewissheit, die sie mit sich bringt. ... Wer niemals eine philosohphische Anwandlung gehabt hat, der geht durchs Leben und ist wie in ein Gefängnis eingeschlossen: von den Vorurteilen des gesunden Menschenverstandes, von den habituellen Meinungen seines Zeitalters oder seiner Nation und von den Ansichten, die ohne die Mitarbeit oder die Zustimmung der überlegenden Vernunft in ihm gewachsen sind."

 (Zitat des Philosophen Russel, in "Die philosophische Hintertreppe" von Wilhelm Weischedel, Seite 286/287) 

So gesehen bekommt (auch naives) Hinter-Fragen eine Legitimation. Raum für neue kreative Lösungen wird geschaffen. Aber auch Widersprüche können sich ggf. klären oder gleichberechtig nebeneinander bestehen bleiben. Denn, um auf unsere Ausgangsfrage zurückzukommen, ein Widerspruch zwischen lernen durch Nachahmen und selbstentdeckendem lernen muss nicht bestehen! Schenken wir der Überlegung, dass auch Sehvorgänge (s.o.) erlernt werden und auf eine Rechenleistung und Interpretation des Gehirns zurückzuführen sind unser Vertrauen, so wird bei weiterer Betrachtung klar (vorausgesetzt der Leser stimmt dieser zu!), dass nachmachen nicht etwa eine 1 zu 1 kopierte Tätigkeit bedeutet, sondern neue Handlungweisen begünstigt und damit einem Akt des Erfindens, Selbstentdeckens und Interpretierens entspringen. Erkenntnisse aus der Erforschung von Spiegelneuronen weisen in eine vergleichbare Richtung:

"Es entsteht eine dynamische innere Abbildung dieses Menschen, kompensiert aus seinen lebendigen Eigenschaften: seinen Vorstellungen, Empfindungen, Körpergefühlen, Sehnsüchten und Emotionen. Über eine solche innere Repräsentation einer nahestehenden Person zu verfügen heißt, so etwas wie einen weiteren Menschen in sich zu haben. Denn einen haben wir ja schon in uns: die neurobiologische und psychische Representation des eigenen Selbst. Sie bezieht ihr Wissen über sich selbst keineswegs nur aus eigenen Quellen, sondern auch aus der Summe jahrelanger Rückmeldung, wie andere uns erleben und für was sie uns halten. Unser Selbst und neben ihm die Representationen anderer, die wir in uns etabliert haben, zeigen also eine merkwürdige Tendenz, aufeinander abzufärben. Umso wichtiger ist die Frage, wie wir beides auseinander halten, unser Selbst und die Repräsentationen anderer Menschen. Natürlich sind Representationen nur Konstrunkte unserers Gehirns und nicht identisch mit den tatsächlichen Personen (wobei es keine objektive Instanz gibt, die wüsste, wie wir >tatsächlich< sind). Sonst würden wir nicht immer wieder einmal gesagt bekommen, dass wir nicht so sind, wie wir selbst meinen, oder von anderern hören, sie seien nicht so, wie wir sie sähen. ... Die Welt ist, was wir mit ihr machen und wie wir mit ihr interagieren können. Auch Menschen werden so gesehen: Ihr Bild von ihnen in uns besteht aus unseren motorischen, sensorischen und emotionalen Interaktionserfahrungen mit ihnen." 

(Joachim Bauer, aus "Warum ich fühle, was du fühlst/ Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone, Heyneverlag, Seite 86/87 und Seite 165) 

Auch die Wurzeln bekannter Improvisationskünstler, Komponisten oder Interpreten scheinen zum großen Anteil durch das ausgiebige Studium von Vorbildern geprägt zu sein. Blues-Gitarristen zum Beispiel kommen an der Spielart von Jimi Hendrix, Steve Ray Vaughan oder BB-Kings kaum vorbei. Wer Bebop lernen möchte, mag wahrscheinlich Stücke oder Solotranskriptionen von Charlie Parker studieren. Ja, eine ganze Generation von Flamencomusikern wurde durch die Kompositionen und Innovationen des Künstlers Paco de Lucia enorm geprägt. Aber alleine schon das Hören von Musik kann mehr oder weniger starke Spuren im persönlichen Musik- und Alltagsempfinden hinterlassen. Musikhören kann dazu führen, dass sich Menschen dem eigens erwählten Idol entsprechend kleiden und verhalten. Ja, die eigene musikalische Biographie kann das ganze Leben in vieler Hinsicht entscheidend beeinflussen (Bewältigung von Krisen und Ängsten ...). Manche Menschen haben es sich auch zum Lebensziel gemacht Andere bis ins allerletzte Detail getreu zu imitieren (Bsp. Elvisimitator, "Look-alike-Coverbands" usw.). Alle in Erscheinung tretenden Phänomene, von den Haaren, der Hautfarbe, über die Gestik bis hin zur Sprache und typischen Gewohnheiten werden 'kopiert'. Dabei hängt der Erfolg ganz entscheidend von zwei wesentlichen Faktoren ab: Ob ein Imitator ... 

• ... jedes dieser Phänomene intensiv und ausreichend genug aus möglichst vielen Perspektiven betrachtet. Denn, phänomenologisch betrachtet, zeigt sich kein Objekt zum gleichen Zeitpunkt von allen Seiten und in all seinen Facetten.

 • ... in der Lage ist sich selbst zu erkennen, um die eigenen persönlichen Differenzen zu seinem Vorbild zunächst bewusst und später gewohnheitsgemäß auszugleichen. 

Welche Konsequenzen eine akribische und exzessive Nachahmung von Vorbildern mit sich bringt und ob es sich lohnt dafür zu leben, sind Fragen, die jeder für sich beantworten mag. Jedenfalls scheint auch hier ein Weg, wenn wohl auch ein Umweg, zur Selbstverwirklichung vorzuliegen. 

Nicht jeder Mensch ist dazu geboren, einem Tätigkeits- und Arbeitsfeld seinen eigenen Stempel aufzudrücken, so dass er zu größter Anerkennung oder Berühmtheit gelangt. Immer wieder hört man von Wunderkindern und außerordentlich begabten Menschen, die es schaffen Andere in Staunen zu versetzen, aber trotzdem 'unentdeckt' oder relativ unbekannt bleiben. Denn einen eigenen Musikstil hervorzubringen, der sowohl von Außenstehenden (und einem selbst!) als solcher erkannt und benannt wird, scheint doch etwas Besonderes zu sein. 

"Es ist gar nicht so einfach sich einen eigenen Stil zuzulegen, obwohl man natürlich nicht immer bewusst danach strebt und es selber vielleicht auch garnicht auf Anhieb merkt. Nur – wenn man es einmal gemerkt hat, dann kommt die große 'Fummelei', weil man sich an nichts anderem orientieren kann als am eigenen 'momentanen Unvermögen'. So ähnlich ging es mir (übrigens ein Zustand, der niemals ganz aufhört), als ich anfing, mit etwas seltener vorkommenden offenen Gitarrenstimmungen 'rumzuspielen. Zuerst ist man erschlagen, vom 'Klang der vielen Töne', und erst später merkt man dann, dass nur das Gitarrespielen selbst Spass macht, nicht aber das Zuhören, weil es einfach zuviel des Guten ist."

 (Werner Lämmerhirt, in "Pickings", Voggenreiter Verlag, Seite 40) 



4) Tradition und Gewohnheit 


"Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers." 

(Gustav Mahler - 1860-1911) 


"Tradtion ist eine Laterne. Der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leutet sie den Weg." 

(Georg Bernhard Shaw) 


Man hört aber auch immer wieder Leute sagen: 


„Es gibt nichts Neues!“, 

"Es gibt nichts zu entdecken oder zu kreieren – Alles ist schon einmal da gewesen.",

„Alle kochen, doch auch nur mit Wasser“, 

"Wozu das Rad neu erfinden, wenn es das schon gibt?", oder: 

"Ich mach das so wie ich es gelernt habe, da kann ich mir wenigsten sicher sein.", 

"Tradition ist das höchste Gut." 


Aber wohin führt uns das? Welche Qualität haben eine solche Einstellung und Herangehensweise? Einerseits: Um in der Gesellschaft und im Zusammenleben mit anderen Menschen aber auch für das persönliche Wohlergehen Orientierung und Halt zu finden, ist es hilfreich auf vorgelebte Erfahrungen und Strukturen zurückgreifen zu können. Das schafft Sicherheit und vereinfacht so Manches. Gleichzeitig geraten wir schnell in Versuchung uns dieser Einfachheit hinzugeben und das "Richtige" und Überlieferte zum Maßstab für zuvieles werden zu lassen. Widmen wir uns dann der Frage: "Wie sehe ich das denn eigentlich?" oder "Wie könnte ich es denn anders machen?", so fühlen wir uns überfordert und greifen allzu gern (oft unbewusst – also ohne weiter darüber nachzudenken) auf Gewohntes zurück. Fragen wir uns doch mal ... - 

"Wie können wir die neugierige, ausprobieren-, entdecken- und erfindenwollende Art der Kinder zur Geltung kommen lassen? 

"Wie geben wir Unterstützung? Welche Lernhilfen/ Lernstützen bieten wir an?

"Wie machen wir es vor?"

"Wie stellen wir unsere Fragen?"

"Wie geben wir unsere Antworten?"

"Was stellen wir in den Vordergrund: Das Hören, das Sehen, das Spüren?" 


5) Ästhetik und Kunst


Ist Ästhetik nicht zuletzt ein Produkt von Differenzierung, Optimierung und ökonomisierter Bewegung? Was geht in uns vor, wenn wir eine Bewegung als ästhetisch erachten? Was verleitet uns zu solch einer Bewertung? Ist Ästhetik in der Natur Effizienz in Bewegung? Auch ein jagender Löwe kann genau unterscheiden, welche Tiere sich als Opfer eignen und welche nicht. Die kranken Tiere werden gefressen und solche mit kräftigem, geschmeidigem und “gesundem” Bewegungsverhalten verschmäht. 

Auch das Spiel hat aus biologischer Sicht also eine tragende Rolle für die Entwicklung von gesundem Bewegungsverhalten. Menschen sind, verglichen mit dem Neandertaler, in der Regel allerdings nicht mehr permanent darauf angewiesen möglichst schnell dem Gefressenwerden zu entkommen. Dies hat zur Folge, dass es uns Homo sapiens von heute in vielen Lebenssituationen nicht zwingend notwendig erscheint, die ausgebildeten Gewohnheiten zur besseren Orientierung in Raum und Zeit erneut zu hinterfragen – zumindest solange das Umfeld, in dem wir uns bewegen konstant bleibt. Während Erwachsene zum Beispiel besondere Matratzen oder andere Vorrichtungen zum Schlafen brauchen, sind Kinder hingegen so flexibel, dass sie sich jeder beliebigen Unterlage anpassen können, um in den Schlaf zu fallen. Machen Sie selbst ein Experiment zu Erkundung ihrer Beweglichkeit: 

Legen Sie sich auf den Rücken, stellen die die Füsse auf und heben sie den Kopf vom Boden. Spüren Sie dabei das Gewicht ihres Kopfes. Wiederholen sie das dreimal. Jetzt machen sie das Gleiche und schauen sie dabei mit den Augen in die Richtung ihres Scheitels, als ob sie also ihre Haare sehen wollten. Was passiert mit der Wahrnehmung ihrer Bewegung? Fühlt sich der Kopf auf einmal schwerer oder unbeweglicher an? Haben Sie eine Tendenz dazu verspürt Ihre Atmung zu verändern? Erkennen Sie einen Zusammenhang zwischen den Bewegungen Ihrer Augen und denen Ihrer Nackenmuskeln? Wenn ja, wie lässt sich das erklären? 

Die Idee von Beweglichkeit beschränkt sich hier nicht – wie wir ihr oft in Fitnessstudios oder im Rahmen einer Anleitung gymnastischer Übungen begegnen - auf einzelne Gliedmaßen und Körperteile, sondern betrifft vielmehr ganze Bewegungsmuster, die immer auch den Menschen in seinem Gesamterleben betreffen. Dies gilt in der Regel auch für interessierte Instrumentalisten, die mit Leib und Seele von Neugier getrieben (oft aber auch mit letzter Kraft und unermüdlich mit sich selbst ringend) das eigene Repertoire an erklingenden Bewegungen und somit an Audrucksmöglichkeiten suchen zu weiterzuentwickeln. 

So wird aus Können Gewohnheit und so wird aus Können Kunst. So wird aus Kunst Kultur und so wird aus Kunst Tradition. Ein Anfang dazu kann schon im Erkennen und Erleben keinster Bedeutungszusammenhänge liegen. Ob man zum Beispiel 

"... die Bewegungen des Ringfingers an beiden Händen differenzieren kann oder nicht, scheint doch ohne jede Bedeutung zu sein. Nun durch diese Kleinigkeit wird die Menschheit in zwei Teile geteilt: der eine kann musizieren, ein Instrument spielen, während der andere nur Konzertkarten und Hi-Fi-Anlagen kaufen kann. Denn wir könnten ein `normales`Leben zwar auch dann leben, wenn unsere Ringfinger von dem ihnen benachtbarten Mittel- und dem kleinen Finger mitbewegt werden, aber Geige, Flöte, Klavier und die meisten anderen Instrumente erfordern eine unabhängige und gleichermaßen differenzierte Beweglichkeit des Ringfingers wie des Zeigefingers und Daumens. Das ist nur ein kleines Beispiel für das erstaunliche Potential, das jeder in sich entdeckt, wenn ... “ man beispielsweise ein Instrument lernt . (M.Feldenkrais) 


Vom Selbstbild zum "Wirbild"

 

Die Auswirkungen des Erlernens eines Instrumentes sind weit mehr als die Summe körperlichen Differenzierungsvermögens: 

● Wenn wir beispielsweise beobachten wie unsere Schüler heranreifen und ihr spielerisches Können mit immer mehr Selbstbewusstsein einhergeht, 

● wenn wir sehen, dass sie sich für unterschiedliche Musikrichtungen beginnen zu interessieren. Dass sie „Red Hot Chilly Peppers“ hören und es gleichzeitig toll finden Mozart, Carlos Jobim usw. zu spielen, 

● wenn wir bemerken, dass unsere Schüler sich plötzlich anders kleiden und den Wunsch äußern von Akusitk-Gitarre auf E-Gitarre oder gar irgendein anderes Instrument umzusteigen, 

● wenn wir sehen, dass unsere Schüler mit einem Orchester oder einer Band unterwegs sind oder für das nächste Schülervorspiel üben, ... 

● wenn unsere Schüler auf Orchesterfreizeiten Freundschaften schließen und anfangen freiwillig zusammen zu üben, ... dann können wir uns freuen,dass wir unsere Schüler auf einen Weg begleiten oder begleitet haben, auf dem sie bereit sind Entscheidungen zu treffen und Wünsche zu äußern. 

Das Selbstbild unserer Schüler hat sich erweitert. 

„Ich kann ein Instrument spielen! ... Ich kann dieses Stück spielen. ... Das bin ich. ... Das gehört zu mir!“ 


Wenn wir unsere Schüler jedoch mit vorgefertigten Antworten bedienen und sie wieder und wieder um die Gelegenheit bringen selbst herauszufinden, was sich hinter den Dingen verbergen mag, kann das dazu führen, dass wir ihnen den fruchtbarsten aller Nährböden für ein gestärktes und gesundes Selbstbewusstsein verderben. Nutzen wir statt dessen doch die Tatsache, dass in jeder Gruppe auch Teilnehmer sind, die dazu tendieren die Gruppe zu stören und zu irritieren. Gemeint sind hier zum Beispiel solche Kinder, die nicht jede Anweisung des Lehrers 'brav befolgen', sondern auch eigenen kreativen Impulsen ihren Lauf lassen. Manchmal muss hier vom Lehrer eingelenkt und unterbunden werden. Nicht selten aber, führen diese Irritationen in neue Gefilde, die das Bild, das nicht nur das Bild, das jeder einzelne Schüler von sich hat, sondern auch das Bild der gesamten Gruppe im Rahmen gemeinsamen Musikerlebens nachhaltig erweitern kann. Freies gemeinsames Improvisieren ist eine von vielen Möglichkeiten, die ein solches Erleben begünstigen kann. Aber auch Gelegenheiten zur Selbsteinschätzung und das Üben von konstruktiver Kritik verhelfen Gräben unbegründeter Vorgaben und Vorschriften ("Das macht man nicht") zu überwinden.

Mit provokannten Worten (zu Zeiten der deutschen Aufklärungsbewegung) hat niemand geringeres als der vielzitierte Immanuel Kant, ein Vertreter der abendländischen Philosophie, bereits versucht darüber aufzuklären, dass Selbstdenken und Selbstbestimmung eine "zur zweiten Natur gewordene Unmündigkeit" also zur Gewohneit gewordenes Desinteresse zur Folge haben: 

"Es ist für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur zweiten Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. [...] Wenn wir aber Freiräume für unsere Schüler schaffen und unsere Vorbildfunktion gewissenhaft nutzen, können selbst "Störenfriede" zu Würde und Recht gelangen: Daß aber ein Publikum [z.B.Gitarrenklasse] sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer ein paar Selbstdenkende, sogar unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens, finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden." (Immanuel Kant, 1724 - 1804)


6) Musikalische Entwicklung für alle 


"Kultur kostet Geld. Der Zugang zu ihr darf aber nicht in erster Linie durch einen privat gefüllten Geldbeutel bestimmt sein. Substantiell hat die Förderung von Kultur nicht weniger eine Pflichtaufgabe des öffentlichen Haushalts zu sein, als zum Beispiel der Straßenbau, die öffentliche Sicherheit oder die Finanzierung der Gehälter im öffentlichen Dienst. Es ist krotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich 'Subventionen' nennen, wärend kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben für ein Bahnhofsgebäude oder deinen Spielplatz als Subventionen zu bezeichnen. (Der Ausdruck lenkt uns in eine falsche Richtung.) Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns entweder leisten oder nach Belieben auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert." 

(Richard von Weizsäcker)

 

Zusammenfassend könnte das alte afrikanische Sprichwort (s.o.) noch um folgende Sätze erweitert werden: 

"Wenn du spielen kannst, kannst du lernen."

"Kultur ist der/ein Boden auf dem du tanzt und singst" 

"Was du kannst, kann Kultur sein oder werden." 


Die positiven Auswirkungen des Erlernes eines Instruments scheinen auch wissenschaftlich eingehend untersucht zu sein und werden von Seiten renomierter Neurowissenschaftler immer wieder aufs neue durch Studien erforscht und detailliert dokumentiert. (Siehe Literaturhinweise) Das klingt zugegebenermaßen gut und es sieht so aus, als ob da was drann wäre. Verlassen wir uns aber mal nicht auf Studien und hörere Autoritäten, sondern der Leser mag an dieser Stelle vielleicht selbst entscheiden: 

  • Welchen Stellenwert hat Musik in meinem Leben und in der Gesellschaft, die ich um mich herum erlebt habe und jeden Tag aufs Neue erlebe? 
  • Wäre es nicht wünschenswert, jedem Kind, ja jedem Menschen das Erlernen eines Instrumentes zu ermöglichen?


Die Zusammenarbeit von Musikschulen und allgemeinbildenden Schulen hat in den letzten Jahren einen regelrechten Boom des instrumentalen Gruppenunterrichtes ausgelöst. Der musikalischen Bildung wird auch von Seiten des Staates und regionaler Regierungen immer mehr Bedeutung beigemessen. Projekte wie "Jedem Kind ein Instrument", "MuMax", "KiMaMu" und viele andere werden mit historisch gesehen verglichsweise großzügigen finanziellen Mitteln unterstützt und gefördert. Somit ist das Erlernen eines Instrumentes mit Hilfe ausgebildeter Fachkräfte nicht mehr nur ein Privileg weniger Kinder, deren Eltern es sich leisten können einen Instrumentalunterricht zu bezahlen. 

Für den Instrumentallehrer ergeben sich daraus ganz besondere und vor allem neue Herausforderungen im Rahmen des Klein- und Großgruppenunterrichtes an öffentlichen Schulen. Gerade in anbetracht der Tatsache, dass aufgrund des verstärkten Lehrerbedarfs für solche Projekte noch nicht ausreichend gruppenerfahrene Gitarrenlehrer vorhanden sind, sind umfassende Leitfäden für pädagogische, methodische und inhaltliche Fragen sowie zukünftig notwendige Fortbildungsveranstaltungen unabdingbar. 

Kooperationen und Projekte zwischen Musikschule und öffentlichen Schulen kennzeichnen nicht weniger als den Startschuss für ein neues 'musikkulturelles Zeitalter'. Es handelt sich hierbei unbestritten um mutige aber längst fällige Vorstöße, der Musikkultur einen ihr angemessenen Platz in unserer Gesellschaft zu beschaffen. Darüber hinaus geht es auch darum die Bewußtheit eines jeden Einzelnen, in Bezug auf unser gemeinsames kuturelles Dasein zu stärken. Das können wir, indem wir auch als erfahrende und erwaschsene Gitarrenlehrer mit oder gerade durch unsere Gitarrenschüler unsere Bereitschaft zum Ausprobieren und neugierigen Erforschen wiederentdecken und beleben. Dann kann das von dem grieschischen Philosophen Heraklit gemeinte Feuer im wahrsten Sinne umsichgreifen und aus Lernenden Lehrer und aus Lehrern Lernenende werden lassen: 

"Lehren heißt nicht ein Fass füllen, sondern eine Flamme entzünden." (Heraklit, griech. Philosoph) 



II.) 


1) Das (Spiel-) Ziel

  

"Jedes Ziel lässt sich ausdifferenzieren und in Etappen verwirklichen." So, oder so ähnlich lautet das Motto auch auf Managerseminaren und Vorträgen zur effenktiven Verwirklichung beruflicher und persönlicher Wünsche. Es werden dann Unterziele formuliert und Zeitramen abgesteckt, in denen diese Ziele zu erreichen wären. Diese Vorgehensweise scheint in vieler Hinsicht sinnvoll zu sein. 

Es gibt aber auch eine alternative oder zumindest ergänzende Vorgehensweise: Momente der Ziellosigkeit, des vollkommenen Aufgehens im 'hier und jetzt', sich überraschen zu lassen, von dem was kommt. Im Spiel herrscht oft eine Art Losgelöstsein von jedem Zieldenken. Steht das Ziel nicht mehr allzu dominant im Vordergrund ("Meine Schüler müssen lernen richtig Gitarre zu spielen ..."/ "Heute lernen wir ..."), so können manchmal unglaubliche Entdeckungen gemacht werden. Sicher, nicht jede Spielart ist gleich und oft geht es gerade im Spiel (bsp. Sport) ums Gewinnen. Und daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Die Frage ist nur, wie jeder Spielende damit umgeht. 

Während der eine ruft: 

"Es ist doch nur ein Spiel", 

hält der andere dagegen 

"Diesmal gewinn' aber ich! Das wirst du schon sehen." 

und ärgert sich arg über sein schicksalhaftes Unglück im Spiel. 

Hier wird das Spiel zu einer ernsthaften Angelegenheit, die bis hin zur Verminderung des Selbstwertgefühls führen kann. Dann gibt es neben vielen anderen auch noch den 'Mittelweg': Sich zwar über ein gewonnenes Spiel zu freuen, aber während dem Spiel hin und wieder das Ziel (welches meistens schon in der Spielanleitung vorgegeben wird) aus den Augen zu verlieren und sich der eigenen Freude und ggf. auch der Freude anderer am Spielen selbst hinzugeben, der Freude daran die eigene Wirksamkeit im alleinigen Spiel und die Geselligkeit, das Miteinander im Zusammenspiel mit anderen Gleichgesinnten zu erfahren. 

Wenn wir uns der Grundannahme der bisherigen Überlegungen anschließen, dass Musizieren eine kreative Handlung ist (auch wenn diese nicht immer besusst so erlebt wird) könnten wir unser vordergründiges Ziel als 'die Entfaltung des musikalisch kreativen Potentials am Beispiel der Gitarre' formulieren. Oder sagen wir es noch einfacher: Unser übergeordnetes Ziel ist das (bewusste) Musikerleben – nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Musik kann die Welt bedeuten und gleichzeitig braucht es nicht viel dazu, sich musikalisch zu äußern. Zugegeben: Das klingt sehr einfach. Und ist es auch! Aber Vereinfachungen können nicht nur Leichtigkeit bewirken, sondern auch den Blickwinkel verengen. 

Wem jetzt das soeben formulierte Ziel vollkommen ausreicht, um seinen Gitarrenunterricht danach zu gestalten und bereit ist einen solchen Sprung ins kalte Wasser zu wagen, der kann ab hier getrost das Buch zur Seite legen und einfach loslegen. Wem es absolut nicht ausreichend erscheint oder zusätzlich zu seinen eigenen Erfahrungen und Gewohnheiten von denen eines Dritten profitieren möchte wird diese Stelle vielleicht dazu einladen weiterzulesen. Neben den auch im Verzeichnis gegebenen Untergliederungen folgt nun ein Überblick zu den wichtigsten inhaltlichen Aspekten der Scolopender-Gitarrenschule: 


2) Allgemeine Unterrichtsziele 

-Würdigung des naturgegebnene Bedürfnisses Musik zu erleben 

-Jedem Kind musikalisches Lernen zu ermöglichen 

-Förderung und Nutzung kreativen Potentials 

-Entwicklung selbstständigen Übeverhaltens 

-Unterstützung von Selbstbeurteilungsprozessen 

-Musik als gemeinschaftsbildende Komponente zu erleben 

-Soziale Kompetenz durch gemeinschaftliches erkunden musikalischer Zusammenhänge 

-Lernen grundlegender musikalischer Ausdrucksformen 

-Erweiterung des Selbstbildes:”Ich kann musizieren.” 


3) Musikalische Unterrichtsziele, erleben und erkunden von ... 

-Kreativität: Improvisation/ Komposition 

-Sing- und Sprachförderung -Rhythmik, Dynamik ... 

-Bewusstes Wahrnehmen des Stimmungsgehaltes von Liedern 

-Differenzierte Hörwahrnehmung 

-Erleben und Anwenden funktionaler Spannungsverhältnisse (Tonika/Dominante/Dur,Moll ...) 

-Notenkenntnisse 

-Merhstimmigkeit 

-Repertoire 

-Transponieren 


4) Gitarrenspezifische Unterrichtsziele 

-Kenntnisse über die Bestandteile und Namen der Teile einer Gitarre 

-Das Scolopender-Notationssystem 

-Tabulaturkenntnisse 

-Verstehen, was die kleine 8 am Notenschlüssel bedeutet 

– klingende Tonhöhe 

-unterschiedliche Gitarrenspielhaltungen kennenlernen und deren Vor- bzw Nachteile selbst wahrzuhemen

-Grundlegende Gitarrenspieltechniken für li und re Hand 

-Erkennen und verstehen der Logik des Griffbrettes/ Lagenspiel 

-Allgemeine und gitarrenspezifische Notenkenntnisse 

-Fingersatzkenntnisse 

-Liedbegleitung mit 3 Akkorden 

-Gitarre stimmen  


III.)

A)

Die Schülerbände Grundstruktur der Lektionen 

1) Zu Beginn jeder Lektion steht ein Spiel, eine Geschichte oder Quiz. 

2) Es folgt ein neuer Ton oder ein neuer Themenschwerpunkt. 

3) Bewegungsspiele und Experimente zur Erweiterung der körperlichen Bewusstheit. 

4) Die sich anschließenden Lieder gewährleisten eine schrittweise Heranführung an das Thema und verknüpfen gleichzeitig zuvor gelernte Inhalte aus vergangenen Lektionen mit Neuem. Hierbei wird sich anfangs aussschließlich des gleichen Tonumfanges bedient. Dieser Tonumfang kann beliebig, je nach Gruppe kreativ erweitert werden. 

5) Ab Lektion 2 beinhaltet jede Lektion eine Kompositionsaufgabe. 

6) Den Abschluss bildet ein Selbstbeurteilungsbogen für das am Ende jeder Lektion stattfindende Klassenvorspiel. 


Am Ende jedes Buches befindet sich ein Kapitel zur Liedbegleitung nach Akkorden. Dieses Kapitel wird parallel zu anderen Lektionen abgehandelt. 


B)

Themenschwerpunkte der Letkionen        (nicht mehr aktuell !)


Band 1   

Lektion 1: Einführung, Gitarre, Notensystem, Spielhaltung, Notenmalen, Quizsammlung 

Lektion 2: Re. Hand, Wechselschlag, g-Saite, Leersaiten, Rhythmussprache, Einführung in die Improvisation, Komposition, Zupfmuster 

Lektion 3: Rechte und linke Hand zusammen, erster gegriffener Ton, Ratelieder, Licks 

Lektion 4: Griffwechsel, Töne g und a / a und h, SG-Notation, Zungenbrecher 

Lektion 5: Apoyndo, Daumenspiel, Gitarrenhaltung (2), Lieder mit den Tönen g, a und h 

Akkorde Teil I


Band 2 

Lektion 6: Das c', das a#, das c#, Klatschspiele, laut und leise, Dur und moll Lektion 

7: Das b, Lieder mit g, b und c'. Der Blues, die Triole, “Schlagzeug-Sprache” 

Lektion 8: Das d', Dynamik (p, mp, mf und f) 

Lektion 9: Das e', das Metronom 

Lektion 10: Die Leersaiten, der Daumenanschlag, Bass-Etüden 

Akkorde Teil II


Band 3 

Lektion 11: Zupfmuster, Melodiespiel mit Leersaiten als Bassbegleitung 

Lektion 12: Die 5. Lage, die Töne f', g' und des'. Orient. Melodien. Das gegriffene g und a. 

Lektion 13: Die ganze g-Saite, 3-Finger-Positionen 

Lektion 14: Die erste Lage 

Lektion 15: Achtel Noten / Achtelpausen/ punktierte Noten 

Akkorde Teil III


Band 4 

Lektion 16: Melodiespiel auf den Basssaiten, Bassstimmen zu bekannten Liedern, 

Lektion 17: Rock / Pop / Funk – Einführung ins Tabulatursystem 

Lektion 18: Leichte klassische Stücke berühmter Komponisten, Folkpicking 

Lektion 19: Vgl. Klavier- Gitarre; Tonleitern 

Lektion 20: Melodiespiel mit wechselnden Basstönen 

Akkorde Teil IV


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