Mein Weg zu einer neuen Gitarrendidaktik

Die Scolopender-Didaktik

Ein Sprung ins kalte Wasser

Im Jahr 2002 unterrichtete ich erstmals an einer öffentlichen Grundschule eine größere Gruppe von Kindern auf der Gitarre. Für mich als Gitarrenlehrer, der bis dahin vorwiegend im Einzel- und Kleingruppenunterricht gearbeitet hatte, war das tatsächlich ein Sprung ins kalte Wasser.

Unterschiedliche Lernvoraussetzungen, Gruppendynamik, organisatorische Probleme und die Frage, wie jedes Kind zu einem eigenen musikalischen Erleben finden kann, stellten mich vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig zeigte sich schnell, welches kreative Potenzial in einer Gruppe entstehen kann.

Kinder als musikalische Entdecker

Kinder bringen Neugier, Unbefangenheit und eigene musikalische Ideen mit. Statt diese durch zu enge Vorgaben einzuschränken, begann ich zunehmend, solche Impulse aufzugreifen.

Ein Schüler, der einmal nicht die vorgegebene Melodie spielen wollte, improvisierte beispielsweise eine eigene Begleitung. Anstatt ihn zu korrigieren, griffen wir seine Idee auf – und plötzlich begann die ganze Gruppe, eigene Begleitungen zu erfinden. Solche Erfahrungen wurden zu einem wichtigen Ausgangspunkt der Scolopender-Didaktik.

Wahrnehmen, ausprobieren, vergleichen

Auch meine Arbeit als Feldenkrais-Pädagoge beeinflusste diesen Unterrichtsansatz. Musik entsteht durch Bewegung. Wer Unterschiede in Haltung, Bewegung und Klang bewusst wahrnimmt, kann neue Möglichkeiten entdecken.

Deshalb spielen Experimente und bewusst gesetzte Einschränkungen eine wichtige Rolle: Was passiert, wenn ich nur auf einer Saite spiele? Nur einen Finger benutze? Einen Rhythmus verändere? Solche Aufgaben reduzieren zunächst die Möglichkeiten – und können gerade dadurch Kreativität freisetzen. 

Weniger kann mehr sein

Ein entscheidender Schritt war die bewusste Vereinfachung des Gitarrenspiels. Statt sofort das gesamte Griffbrett, mehrere Saiten und komplexe Notation einzuführen, konzentrierte ich mich zunächst auf eine Saite.

Mit einfachen Markierungen auf dem Griffbrett und einer eigenen, leicht verständlichen Notationsweise konnten Kinder sehr schnell Melodien spielen, eigene musikalische Ideen entwickeln und sogar in verschiedenen Tonarten experimentieren. 

Daraus entstand die Scolopender-Gitarrenschule

Aus diesen Erfahrungen entwickelte sich nach und nach die Scolopender-Gitarrenschule. Neben Melodie- und Akkordspiel gehören von Anfang an auch Improvisation, Komposition, Experimente, Koordinationsspiele und Selbsteinschätzung zum Unterricht.

Im Mittelpunkt steht dabei kein starres Unterrichtssystem. Die Scolopender-Didaktik versteht sich vielmehr als Einladung, musikalisches Lernen als offenen Prozess zu gestalten – mit Orientierung, aber auch mit Raum für eigene Wege und überraschende Entdeckungen.

Mehr erfahren

Die Hintergründe, methodischen Überlegungen und praktischen Möglichkeiten dieses Ansatzes beschreibe ich ausführlich in meinem Buch „Gitarre lehren – neu denken – Impulse für den Unterricht in Schule & Musikschule“.




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